Allah ist Gott Begegnung mit einem jungen Christen aus Syrien, der nun in Wuppertal lebt

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Elias Assoul in seiner kleinen Wohnung in Wuppertal-Cronenberg.

Text: Lutz Debus
Bilder: Christoph Schönbach

Die Holzstufen knarren unter den Schritten, es riecht nach frisch gebohnerten Dielen und frisch geernteten Äpfeln. An den Wänden des Treppenhauses hängen Kunstdrucke von Miro und Matisse. In dem schieferverkleideten Haus aus dem vorletzten Jahrhundert in Wuppertal-Cronenberg wohnen, so scheint es, Bildungsbürger aus dem grünalternativen Spektrum. Unter dem Dach, in zwei kleinen Kammern, hat Elias Assoul ein neues Zuhause gefunden. Der 29-jährige Syrer ist seit 15 Monaten in Deutschland.

Seine Eltern und seine drei Brüder leben noch immer in einem Dorf nahe Damaskus. Täglich kommuniziert er via Internet mit seiner Familie. Natürlich macht er sich Sorgen um sie. Aber die Region, in der sie leben, gilt als relativ sicher. Die örtliche Opposition hat mit der Regierung verhandelt und so gibt es zumindest dort keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Elias Assoul musste aber trotzdem fliehen. Zu groß war die Gefahr, dazu gezwungen zu werden, aktiv an dem Krieg in Syrien teilzunehmen. „Ich möchte niemanden erschießen“, sagt der junge Mann mit den dunklen, warmherzigen Augen fast akzentfrei. Sein Deutsch ist, gemessen an den anderthalb Jahren, die er diese für ihn fremde Sprache lernen konnte, sehr gut.

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Zwei Brüder von Elias Assoul, die noch in Syrien sind.

Nach dem Studium jobbte Assoul im benachbarten Libanon als Kellner und Maler. Aber sein Visum wurde nicht verlängert und so floh er. Seine erste Station war die Türkei. Dahin reiste er mit einem Flugzeug. Dann wurde die Reise beschwerlicher. Mit einem Boot gelangte er auf eine griechische Insel. 80 Kilometer musste er zu Fuß zurücklegen, bis er sich bei griechischen Behörden registrieren konnte. Dann ging es über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Die jeweiligen Grenzübergänge passierte er als Fußgänger, ansonsten nahmen ihn Schlepper mit. So musste er nicht, wie viele andere Flüchtlinge, die tausende Kilometer weite Strecke zu Fuß zurücklegen. Aber er verbrauchte all sein Geld, das er durch seine Arbeit im Libanon erspart hatte.

Zunächst kam er nach Bielefeld, blieb dort aber nur ein paar Tage, wurde dann nach Wuppertal geschickt. Kurze Zeit lebte er in einer Wohnung mit acht anderen Flüchtlingen, dann konnte er die beiden kleinen Zimmer in Cronenberg beziehen. Für ihn ein Glücksfall. Eine provisorische Schlafstelle, eine Küchenzeile aus plastikbeschichtetem Pressspan, ein Herd, ein Kühlschrank,ein Tisch, zwei Stühle. Die Möbel sind zwar wahrscheinlich doppelt so alt wie der Bewohner. Aber Elias Assoul hat eine eigene Wohnung und genießt die Privatsphäre. An Wochenenden übernachtet schon mal ein Freund bei ihm. Denn Privatsphäre ist das Eine, Einsamkeit das Andere. Das Smartphone ist seine Verbindung zur alten Heimat, aber auch zu seinen syrischen Freunden hier in Wuppertal. Immer wieder während des Gesprächs brummt das Samsung. Dann entschuldigt sich der Gastgeber kurz, tippt in sein Gerät oder spricht ein paar Sätze auf Arabisch. Sein Gesicht wird dabei vom Display des Smartphones bläulich angestrahlt. Manchmal, wenn er sich konzentrieren muss, entstehen kleine Falten auf seiner Stirn. Hauptsächlich fungiert Elias Assoul als Übersetzer, manchmal auch als Berater oder Tröster. Man kann sich den jungen Mann sehr gut vorstellen, wie er in ein paar Jahren in einem hiesigen Unternehmen die Geschäfte in die arabische Welt abwickelt. Assoul wirkt motiviert, kommunikativ, empathisch und intelligent.

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Das Smartphone ist die Verbindung zu Familie und Freunden.
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Ein wenig Alltag über tausende Kilometer, der Guten-Morgen-Gruß der Mama.

Diese Vision ist für den Syrer aber noch ein Traum. Sein Hochschulzeugnis hat er mittlerweile übersetzen lassen. Die Kosten dafür übernahm sogar das Jobcenter. Die Anerkennung des Zeugnisses allerdings kostet weitere 200 Euro. Diesen Betrag will das Jobcenter nicht bezahlen. Assoul kann das Geld nicht von seiner Sozialhilfe aufbringen. Nun hofft er auf den Widerspruch gegen den behördlichen Bescheid. Bevor er allerdings hier seinen Master-Abschluß an der Universität machen und als Betriebswirt tätig werden kann, muss er noch besser Deutsch lernen. Tagsüber besucht er einen Kurs, in dem er fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden soll. Das Lehrbuch, das er stolz präsentiert und das er schon fast durchgearbeitet hat, stellt verschiedene Berufe vor. Noch etwas unbeholfen sehen die lateinischen Schriftzeichen aus, die mit Bleistift in das Arbeitsheft geschrieben wurden, sehr filigran und kunstvoll hingegen die Anmerkungen an den Seitenrändern in arabischer Schrift. Bald wird er ein Praktikum bei der Verwaltung der Katholischen Citykirche Wupertal absolvieren.

Die katholische Kirche habe ihm sowieso schon viel geholfen und dafür sei er sehr dankbar. Elias Assoul selbst ist auch Christ. Nicht katholisch, sondern syrisch-orthodox, aber Christ. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen sind ihm sowieso nicht so wichtig. „Es gibt nur eine Bibel, es gibt nur einen Jesus“, sagt Assoul. Sein Bruder wurde von einem katholischen Pfarrer getauft, er selbst von einem syrisch-orthodoxen Priester. So wäre es auch falsch, wenn jeder arabische Christ hier in Wuppertal seine eigene Kirchengemeinde gründen würde. „Wir wollen hier in Deutschland nicht im Ghetto bleiben“, erklärt Assoul. Allerdings ist es ihm schon wichtig, die Predigt auf Arabisch hören zu können. So gut verstehe er Deutsch noch nicht, dass er die Messe in Cronenberg besuchen möchte. Die Pläne, eine orientalische Christengemeinde in Wuppertal-Laaken anzusiedeln, begrüßt er. Die meisten der etwa 100 arabischen Christen im Raum Wuppertal kenne er persönlich, mit vielen verbindet ihn eine Freundschaft.

Ob er auf Dauer in Deutschland bleibe, ist für Elias Assoul ungewiss. Er hoffe, dass bald der Krieg beendet wird, auch wenn die aktuellen Nachrichten da eine andere Sprache sprechen. Und dann müsse das Land ja wiederaufgebaut werden. „Deutschland war vor 70 Jahren auch kaputt und es ist nun wieder heile. Wir müssen das von Euch lernen.“ Damit meint er nicht nur den technischen Wiederaufbau, sondern auch den moralischen. Und dabei könne der Glaube sehr helfen.

Für Elias Assoul ist Christentum immer mit seiner alten Heimat verbunden. Mit schwärmerischem Blick erzählt er von den hohen Festtagen in seinem Dorf in Syrien. Überall roch es nach Gebäck und Süßigkeiten. Die Kirche habe ihm schon als Kind vermittelt, dass die Menschen in Liebe zusammenleben sollen. „Man ist kein Christ, weil man ein Kreuz an der Halskette hat oder als Tatoo auf dem Arm trägt, man ist Christ, weil man liebt.“ Dann zitiert Elias Assoul Christus: „Liebet Eure Feinde.“ Und wie ist das Verhältnis zu den Syrien muslimischen Glaubens? Vor dem Krieg spielte Religion im gemeinsamen Leben in dem Dorf keine Rolle, beteuert Assoul. „Wir haben in Frieden miteinander gelebt.“ Viele seiner Freunde sind Mohammedaner. Ob er den Islam für genauso friedfertig halte wie das Christentum? „Ich weiß nicht viel über den Islam“, antwortet Elias Assoul. Für eine differenzierte Diskussion über die beiden Weltreligionen fehlen dann doch zu viele Wörter. Aber einen Groll auf den Islam kann man bei dem jungen Christen aus Syrien nicht spüren. „Wir gratulierten ihnen zum Zuckerfest und zum Opferfest. Sie gratulierten uns zu Weihnachten und zu Ostern.“ Aber irgendeinen Dissens muss es doch geben? Gibt es nun Allah oder Gott oder gibt es beide? Elias Assoul lächelt verlegen, versteht zunächst die Frage nicht. Dann lacht er. „Allah ist das arabische Wort für Gott. Auch für uns Christen.“

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